Eine Tankstelle an einer Passstrasse, dahinter ein Restaurant, darüber ein paar Hotelzimmer und die Wohnung der Betreiber. Alles im selben Haus, alles zurückgelassen.
Von der Strasse aus wirkt das Gebäude fast noch in Betrieb: ein Stuhl an der Wand, Blumentöpfe unter den Fenstern, daneben rauscht der Verkehr über die Betonbrücke. Erst der abplatzende Verputz und die blinden Scheiben verraten, dass hier schon lange niemand mehr abkassiert hat. Die Zapfsäulen sind das eine – spannend wird es dahinter, denn Tankstelle, Restaurant, Hotelzimmer und die Privatwohnung teilen sich ein einziges Dach.
Im Restaurant steht die Kasse noch offen. Auf dem Zettel darunter die letzten Preise: Café 4.–, Cappuccino 4.50, Expresso 3.50, Ovo oder Schoko 4.50, Tee 3.50. Die Tasten sind von Hand beschriftet – «Café», «Bier-Wein», «Mineral», «Kiosk». Mehr brauchte es nicht. Eine Karte für Lastwagenfahrer, Handwerker und Passtouristen, die kurz anhalten und weiterfahren.
Hinter einer weinroten Tür mit dem Schild «PRIVAT» beginnt der Hotelteil. Zimmer 2: ein schmales Klappbett mit geblümtem Kissen, eine Lampe aus buntem Glas, ein Vorhang, der Licht durchlässt wie Pergament. Der Boden ist ein einziger Belag aus gemustertem Linoleum, an den Wänden zeichnen sich Feuchtigkeitsschatten ab. Es sieht nicht aus wie ein Hotel, das Gäste verloren hat, sondern wie eines, das nie viele hatte.
Am eindrücklichsten ist die Privatwohnung. Sie ist nicht geräumt, sie ist einfach verlassen: Wäschekörbe, Schuhe, gefaltete Frottétücher, ein Bügeleisen, Kleider auf einer Stange, ein Katzenbaum am Fenster, Zeitungen im Stapel. Zwei Waschmaschinen stehen im Treppenhaus, daneben noch das Waschmittel auf dem Fenstersims. Wer hier auszog, hat nicht gepackt – er ist gegangen.
Warum aufgegeben wurde, wissen wir nicht. Solche Betriebe leben von der Durchfahrt, und die Durchfahrt ist verletzlich: eine neue Strassenführung, eine Umleitung, ein Preiskampf, eine Krankheit in der Familie – bei einem Haus, in dem Beruf und Wohnung dasselbe Gebäude sind, genügt eines davon. Was bleibt, ist ein Ort, der Tankstelle, Beiz, Hotel und Zuhause gleichzeitig war und alle vier Rollen im selben Moment verloren hat.
Wir nennen keine Ortsnamen. Nichts mitnehmen, nichts beschädigen, nichts aufbrechen – wer solche Häuser sehen will, muss sie stehen lassen, wie sie sind.
Danke für den Gastbeitrag von geri



Anfragen, die aus einem einigermassen ganzen Satz bestehen und vielleicht sogar noch etwas freundlich sind, werden gerne beantwortet.