Zu Besuch bei Onkel Theophil

Als ich meiner Grossmutter neulich meine Beiträge auf dieser Webseite zeigte, meinte sie besorgt: „Junge, was machst du bloss für düstere Bilder. All diese Bruchbuden, da lebt ja längst keiner mehr drin und alles ist kaputt. Du warst doch früher nicht so.“ Ich brummelte etwas von Poesie der Vergänglichkeit und dem Charme des Morbiden, ohne sie wirklich zu überzeugen. „Und warum ist das alles in Frankreich, so weit weg?“ Ich versuchte, es ihr zu erklären, die Kurzvariante mit den hohen Bodenpreisen in der Schweiz und darum kaum Leerstand bei uns und halt ganz anders in den strukturschwachen Randregionen in unserem Nachbarland. Da schaute sie mich schelmisch von der Seite an: „Also da musst du nicht extra zu den Franzosen rüber. Das alte Haus von Onkel Theophil steht schon ewig leer. Nimmt mich eh schon lange wunder, wie es da drin wohl aussieht.“ Gastbeitrag von stewi

Anfragen, die aus einem einigermassen ganzen Satz bestehen und vielleicht sogar noch etwas freundlich sind, werden gerne beantwortet.

2 Idee über “Zu Besuch bei Onkel Theophil

  1. Stefania sagt:

    Ja, immer wieder diese düstere Häuser, voll gestopft mit Möbel, Werkzeuge und Nippes! Und Spinnennetze überall! Warum? Tja, man wohnte so, bis vor kurzem.
    Stellt euch vor, wie die Bilder der Lost Places in 100 Jahren aussehen werden: lichtdurchflutete, helle, luftige, grosszügige Räume; Wohnobjekte welche klar strukturierte, praktische Grundrisse aufweisen (endlich keine vermisste Urbexer mehr 😂). Nichts zum fotografieren, keine Killerpuppen, entkernte Matratzen, Porzellan Scherben, verstaubte Nähmaschinen, verdorbene Lebensmittel in der Speisekammer… Nein nur leere, helle Räume, eventuell ein erschöpfter Staubsauger Roboter, einige leere Pizzakarton, Designer Bett, Designer Sofallandschaft und ein enorme multifunktion Bildschirm. Keine Spinne und Spinnennetze: die Insekten fühlten sie sich dort schon vorher nicht wohl 😉
    Eine Frage hätte ich noch an die Grosi: warum steht das Haus der Onkel noch unbewohnt? Endlich konnte man die echte Gründe aus erste Hand erfahren 🤔

    • stewi sagt:

      Danke dir für den stimmigen Kommentar. Ich denke auch, dass die Urbexer von morgen Mühe haben werden, atmosphärisch spannende Lost-places zu finden. Allein schon die moderne Architektur mit ihren kalten Strukturen aus Stahl und Beton steht dem im Wege. Aber wer weiss, vielleicht finden sie einen anderen Zugang zum Thema.
      Zu den Gründen des Leerstandes meinte meine Grossmutter, dass die Familie von Onkel Theophil schon immer streitsüchtig gewesen sei. Seine Kinder hätten sich nach seinem Tod über die Regelung des Nachlasses total zerstritten. Weil sie sich keinen Anwalt leisten können, der die Sache für sie regelt, passiert gar nichts und das Haus modert vor sich hin. Eigentlich schade, aber gut für uns.
      Mit einem Lächeln, Stewi

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